Gastbeitrag von Professor Dr. Norbert Walter
Chefvolkswirt der Deutschen Bank
Der Sinn des Wirtschaftens ist sicher nicht der Export. Schon eher ist es der Konsum. Aber noch eher ist es die nachhaltige Mehrung des Wohlstandes. Was aber Wohlstand und diesen nachhaltig ausmacht, ist durchaus diskussionswürdig. Manche meinen, Wohlstand sei der eigene Konsum und dieser genau heute. Es gibt aber gute Gründe, Wohlstand breiter zu definieren – nämlich auch die Versorgung des Umfelds mit zu berücksichtigen und mehr als nur das Heute zu bedenken. Antworten darauf, wie man Wohlstand in diesem umfassenderen Sinn maximieren kann, gilt es durch Maximen des Verhaltens und durch Regulierung zu sichern.
Was müssen wir Deutsche tun, um diesem komplexen Ziel am besten nahe zu kommen? Gilt es, die hohe Orientierung am Kundeninteresse der Welt zu relativieren? Sollten wir uns also, statt Export zu fördern, der
Deckung (unmittelbarer) inländischer Interessen zuwenden? Letzteres ist im Kern das, was uns die Nobelpreisträger Krugman und Stiglitz ebenso empfehlen wie deutsche Ökonomen – beispielsweise der Sachverständige Bofinger oder Wirtschaftspolitiker aus dem Spektrum der linken
Parteien. Zu dieser Orientierung passt die Aufforderung die deutschen Löhne heraufzusetzen, um die Kaufkraft der Arbeitnehmer zu stärken und so die Konsumnachfrage anzukurbeln. Dadurch könne man, so das Argument,
die extremen Überschüsse in der Handelsbilanz Deutschlands abbauen. Und man böte zugleich den notorischen Defizitländern – etwa Spanien oder den USA – eine Möglichkeit, ihre unhaltbaren Leistungsbilanzdefizite
abzubauen.
Sind diese Thesen nicht sehr plausibel? Ist es nicht einladend, unser Konsumglück zu verbinden mit der Problemlösung für unsere geplagten Partnerländer? Also Dank an die Ratgeber und auf zur entsprechenden therapeutischen Anpassung!? Oder ist da doch ein Pferdefuß? Haben die Einflüsterer vielleicht etwas Wichtiges vergessen?
Zuerst einmal zu den Fakten: Seit letzten Sommer ist es mit dem Exporterfolg vorbei: Die Exporte gehen zurück, und zwar nicht nur so ein bisschen, sondern wahrlich dramatisch. Im April 2009 lagen sie um fast 30 Prozent unter dem Wert des entsprechenden Vorjahresmonats. Und das nachdem wir Deutschen uns an zweistellige Zuwachsraten nahezu Jahr für Jahr gewöhnt haben. Das hat den Charakter von Absturz. Was sagt uns das? Wer sich auf den Export verlässt, ist verlassen? Haben also Krugman und Bofinger Recht, dass wir uns vermehrt auf inländische Nachfrage stützen müssen? Doch diese simple Arithmetik ist falsch, ja sie ist grottenfalsch. Deutschland tut gut daran, seine Stärken dort einzusetzen, wo unsere Märkte sind. Wir können weder unsere Autos noch unsere Flugzeuge, noch unsere Pillen, noch unsere Computertomographen, noch unsere Lastwagen im Inlandsmarkt verkaufen. Die notwendigen Stückzahlen für effektive Produktion lassen sich nur erreichen, wenn wir die Welt als unseren Absatzmarkt begreifen.
Und Deutschland hat der Welt nicht nur in diesen traditionellen Bereichen etwas zu bieten, sondern auch bei Flugzeugwartung, als TÜV für die Welt, bei der natur- und musikwissenschaftlichen Ausbildung, im Weinbau, bei der Führung von Hotels, in der Logistikorganisation, im Facility Management, bei Energieeffizienz, Abfallentsorgung, Mautsystemen, bei Erneuerbaren Energien und bei Computerspielen. Und schließlich haben wir auch touristische Schätze bei Schlössern und Kathedralen. Wie kann man all diese Schätze besitzen, ohne sie mit Kunden aus aller Welt teilen zu wollen und dabei Geschäfte zu machen? Steht das im Widerspruch zu einer Haltung, die die eigene Versorgung im Auge hat und die damit Partnerländern hilft, ihre Probleme zu lösen? Keineswegs! Allerdings, die kurzsichtigen Rezepte von Harvard-Ökonomen und Kaufkrafttheoretikern des Lohnes braucht man nicht zu akzeptieren. Es gibt Sinnvolleres, vor allem aber Nachhaltigeres. Da wir Deutsche wie andere Gesellschaften schon bald und dauerhaft altern, sind wir strukturell auf dem Wege mehr zu importieren als wir produzieren und exportieren. Unser Problem ist aber nicht so sehr ein zu niedriger Konsum heute, sondern eine verlässliche Finanzierung für unseren Konsum morgen, wenn Rentner hierzulande reichlich und Arbeitnehmer knapp werden.
Um für jene Zeit – ab 2015 bis 2030 – ein Polster zu bilden, sollten wir jetzt weiter Leistungsbilanzüberschüsse erzielen und freilich auch die entsprechenden Ersparnisse jetzt und gezielt zur Finanzierung von
Infrastrukturinvestitionen in Schwellen- und Entwicklungsländern einsetzen, damit die Empfängerländer produktiver werden. Diese können uns dann ab 2020 durch Dividendenzahlungen auf diese ertragreichen
Investitionen helfen, unseren Einfuhrüberschuss zu finanzieren. Deutschland sollte jetzt nicht Überkonsumption organisieren und dann in Altersarmut geraten. Es wäre wirklich gut, wenn begnadete US-Ökonomen die Alterung Japans und einiger kontinentaleuropäischer Länder als das begriffen, was es ist: Anlass, für nachhaltige Konsumfähigkeit nach 2015 zu sorgen, indem man heute reichlich für die Welt produziert, Ersparnisse bildet und diese produktiv in den rasch und dynamisch wachsenden Ländern der Welt investiert. Dies ist produktive Interpretation der Möglichkeiten zur Wohlstandsmehrung durch Globalisierung.
Es wäre gut, die Ökonomen der Supermacht würden diese Logik des offenen Systems begreifen! Also, Glück auf Exportweltmeister, nicht nachlassen, wir haben der Welt etwas zu bieten, wir belasten die Welt nicht mit unserer Leistungsstärke!