
“Caritas in Veritate”, die neue Sozial-Enzyklika aus Rom, ist aus vielen Gründen lesenswert. Sie ist vor allem als Antwort des Papstes auf die Finanzkrise verstanden worden, sicher nicht zu Unrecht. Aber der Papst beklagt auch “übertriebene Formen des Wissensschutzes seitens der reichen Länder durch eine zu strenge Anwendung des Rechtes auf geistiges Eigentum, speziell im medizinischen Bereich”. Er liegt damit erstaunlich nahe bei der Piraten-Partei, die in ihrem Parteiprogramm von einem “veralteten Verständnis von sogenanntem geistigen Eigentum” spricht und sagt, “Patente auf Pharmazeutika haben … zum Teil ethisch höchst verwerfliche Auswirkungen”.
Dass so unterschiedliche Institutionen wie der Vatikan und die Piraten-Partei in diesem Punkt ähnliche Auffassungen vertreten, mag Zufall sein. Und beide argumentieren gewiss von völlig unterschiedlichen Backgrounds aus. Der Papst ist vor allem in Sorge um die Krankheitsbekämpfung in Entwicklungsländern, während die Piraten alles, was mit geistigem Eigentum zu hat, unter Generalverdacht stellen; der Patentschutz für Arzneimittel ist dabei nur einer von vielen Punkten.
Nun bin ich nach wie vor der Auffassung, dass es in einer Marktwirtschaft klar definierter Eigentumsrechte bedarf und im Zeitalter der Wissensgesellschaft vor allem geistiges Eigentum geschützt werden muss. Ob Bücher, Musik oder Erfindungen – wenn sofort alles frei verfügbar wird, schwindet der Anreiz, Zeit, Geld und Kreativität zu investieren. Und dann gibt es eben weniger gute Romane, Lieder und technische Neuheiten.
Und dennoch erlaube ich mir für einen Moment auch die Frage, ob der Papst und die Piraten nicht eine viel grundsätzlichere Frage aufwerfen – die Frage nach einer Logik jenseits der marktwirtschaftlichen, nach einem neuen Verständnis von Arbeit, Produktivität und Eigentum. Die Piraten sprechen von der Freiheit des Wissens und der Kultur, der Papst betont an erstaunlich vielen Stellen seines neuen Lehrschreibens das “Prinzip der Unentgeltlichkeit”. Treffen sich hier mit der katholischen Kirche jene Institution, die schon immer vor Materialismus gewarnt hat, mit den Postmaterialisten? Benedikt wird damit noch lange nicht zum Teil der digitalen Bohème, und die Piraten werden dadurch nicht zu einer seriösen Partei. Aber nachdenken sollte man über diese Aspekte schon.
Tags: Entwicklungshilfe, Ethik, Sozial-Enzyklika
Sehr gewagte Thesen. Aber interessant.
Die Frage, wie man “Geistiges Eigentum” schützen kann und gleichzeitig des wirtschaftlich Schwächeren zuführen kann, ist sehr schwierig – vielleicht sogar über formalisierte institutionelle Regelungen unlösbar. Die Diskussion ethischer Grundlagen des Wirtschaftens sind ein uraltes Thema, das nie an Aktualität verliert.
Hallo,
sie sollten mit dem Begriff “Piraten”verantwortlicher und nicht so locker umgehen.
Horst Kunz
Das stimmt. Der Begriff geht einem so locker über die Lippen. Aber wenn man dran denkt, was “echte” Piraten heute machen, sollte man in der Tat vorsichtiger sein. Danke.