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Soziale Ordnung! Interaktives Magazin für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Die christlich-soziale Online-Illustrierte

Archiv für den Monat Oktober 2009

Blutsauger, Datensauger

Martin Kamp

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Daimler, Beiersdorf, Merck - die Liste der Firmen, die bei Stellenbewerbern reihenweise Bluttests vornehmen, wird immer länger. Bloßes Vorsichtsmaßnahme, um die Betroffenen zu schützen? Kaum zu glauben. Sicher, für manche Tätigkeiten mögen solche Untersuchungen angebracht sein. Aber nicht in dem Rahmen, der jetzt bekannt geworden ist. Das hat mit Gesundheitsschutz nicht mehr so viel zu tun. Gesundheitsschutz und Datenschutz müssen keine Gegensätze sein. Aber dazu sind alle Tests und Untersuchungen auf das absolute Mindestmaß zu reduzieren. Der gläsere Arbeitnehmer kann nicht das Ziel sein. Unter Umständen muss der Gesetzgeber noch mal tätig werden. Das Gendiagnostikgesetz ist richtig und wichtig. Gut, dass CDU, CSU und FDP sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt haben, den Arbeitnehmerdatenschutz in einem eigenen Kapitel des Bundesdatenschutgesetzes zu regeln.

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Boni und Banker

Martin Kamp

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Der Arbeitskreis Banken und Sparkassen der CDA begrüßt die von den G20 in ihrer Abschlusserklärung vereinbarten Ziele und die zur Bewältigung der Weltfinanzkrise beschlossenen Maßnahmen. Der gemeinsam verabschiedete „Rahmen für ein starkes, nachhaltiges und ausgeglichenes Wachstum” enthält sinnvolle und sorgfältig aufeinander abgestimmte Schritte, die verhindern sollen und verhindern können, dass sich die Welt ein weiteres Mal an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds bewegt. Gleichzeitig lässt die Erklärung den einzelnen Staaten und Staatengemeinschaften als „Rahmen” die notwendige Freiheit und Flexibilität, die beschlossene Agenda auf ihre individuellen Bedürfnisse und Notwendigkeiten anzupassen.

Insbesondere für die Frage, ob und in welcher Höhe Bankmanager auch künftig durch Boni vergütet werden sollen, hat der Gipfel - nicht zuletzt durch den erfolgreichen Einsatz der Bundeskanzlerin - nach unserer Einschätzung grundsätzlich die richtigen Antworten gefunden.

Boni sollen im Finanzsektor auch künftig möglich sein. Das ist nur realistisch und stand angesichts der Bedeutung, die variable Gehaltsbestandteile im angelsächsischen Wirtschaftsraum seit jeher besitzen, auch kaum zur Disposition. Gleichwohl wird künftig die Schaffung langfristiger Werte zur Leitlinie erhoben und nicht - wie so häufig in der Vergangenheit - die exzessive Übernahme von Risiken. Leistungsabhängige Vergütungsbestandteile sollen genau aus diesem Grunde in Zukunft generell an den langfristigen Erfolg des Unternehmens anknüpfen, ohne aber für einen mehrjährigen Zeitraum garantiert zu werden. Boni sollen stets - aus unserer Sicht eigentlich schon eine betriebswirtschaftliche Selbstverständlichkeit! - in einem vernünftigen Verhältnis zu den Erträgen eines Unternehmens stehen. Besonders geeignet hierfür scheinen den Gipfelteilnehmern Aktien oder aktienähnliche Instrumente zu sein, die den Manager zum Miteigentümer machen und damit stärker in die Pflicht nehmen.

Sehr begrüßenswert ist es auch, dass das Unternehmen bei Misserfolg variable Vergütungen in angemessenem Umfang zurückfordern können soll. Unterstützung verdient die Erklärung ebenfalls, soweit sie die Vergütungspolitik auch regulatorisch an „die kürzere Leine” nimmt. So sollen Vergütungsstrategien und -strukturen durch Veröffentlichungspflichten transparenter werden. Gremien, die die Vergütungspolitik des Unternehmens festlegen, sollen unabhängig entscheiden dürfen. Und schließlich sollen Aufsichtsbehörden Unternehmen, die es versäumen, eine solide und gesunde Vergütungspolitik zu implementieren, Auflagen machen oder unter bestimmten Umständen sogar unmittelbar Einfluss auf die Vergütungsstrukturen nehmen können.

Vor dem Hintergrund dieser verhältnismäßig strengen und nachhaltigen Anforderungen an eine künftige Vergütungspolitik scheint uns der Verzicht auf verbindliche Obergrenzen für die Zahlung von Boni, die die Bundesregierung gemeinsam mit anderen europäischen Regierungen zunächst gefordert hatte, durchaus vertretbar.

Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Beschlüsse tatsächlich ihren Weg in die gesetzgeberische Praxis der Gipfelteilnehmer und darüber hinaus finden werden.

Das Thema „Boni” bleibt jedenfalls weiterhin auf der Tagesordnung. Und der Arbeitskreis Banken und Sparkassen wird die Umsetzung der Beschlüsse und ihre Auswirkungen sehr genau beobachten.

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Ein schlechter Witz

Martin Kamp

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Business Punk. Eine neue Zeitschrift liegt an unseren Kiosken aus. „Business Punk”. Zielgruppe sind - so stellt es das Heft selbst dar - Menschen, die hart arbeiten. Also ein neues Zentralorgan für Leiharbeiter, Müllmänner und Krankenschwestern? Ein Blatt, in dem sich Buchhalter, Stahlkocher und Kellner wiederfinden? Mitnichten. Wen man im Blick hat, schreibt die Redaktion schon im Vorwort zur ersten Ausgabe der Zeitschrift: Es handele sich um ein Magazin „für alle, die etwas bewegen und Erfolg haben wollen. Für die ein Job mehr ist als ein Job, weil er ihr Leben definiert und sie antreibt.” Schöne neue Arbeitswelt also. Am schönsten ist aber folgende Charakterisierung; „Für die Uhrzeiten nur eine Art Richtgeschwindigkeit sind und Schlaf ein notwendiges Übel.” Ach so.

Das gibt es Heerscharen von Kurzarbeitenden, die unter der Krise leiden, und zugleich Hunderttausende, die unbezahlt Überstunden schieben, die prekär beschäftigt sind, die aufgrund von Schichtarbeit unter massiven Schlafstörungen leiden. Aber das Land leistet sich ein Heft über „das laute, schnelle Leben, das hinter dem Business tobt. Und um Typen, die in Unternehmen etwas unternehmen.” Früher hätten wir gesagt, die Zielgruppe seien Yuppies. Aber der Ausdruck ist natürlich überaltet. Deshalb liefert die Redaktion gleich auch die Gattungsbezeichnung für ihre Zielgruppe mit - und so hat sie der Einfachheit halber auch ihr Magazin genannt:  eben „Business Punks”. Wer solche Business Punks sind, sieht man an den Protagonisten des Heftes: Oliver Kahn etwa, der Xing-Gründer Lars Hinrichs oder Richard Branson, „die Ikone aller Businesspunks”.

Kein Klischee über die Jungen, Dynamischen und Erfolgreichen ist zu dumm, um nicht bedient zu werden. Da findet sich eine große Geschichte über die „Sexy Sekretärin - Die Versuchung im Vorzimmer”; da liest man, „Karriere ist wie Fußball: Manchmal braucht es ein taktisches Foul”; und da ist ein Verriss über Besprechungen zu lesen, die in „Business Punk” natürlich „Meetings” heißen. Und das Ganze nicht als Text, sondern als Schaubild. Das ist symptomatisch für das Magazin.Die Macher des neuen Magazins trauen ihren Lesern nämlich wohl nicht viel zu. Überall Bilder, Grafiken, optisch aufbereitete Informationshäppchen. Im Vergleich dazu ist der „Focus” die reine Bleiwüste. „Business Punk” - ein Wimmelbuch für große Kinder also.

Darin finden sich auch geradezu absurde Geschichten - etwa eine Übersicht von Liniennetzen öffentlicher Verkehrsmittel aus unterschiedlichen Metropolen, versehen mit dem Hinweis: „S- und U-Bahn-Pläne sind mehr als Wegweiser. Sie sind moderne Kunst, verraten fast alles über das Gefühl einer Stadt.” Nee, is klar. Ich versuche noch immer vergeblich etwas über das Gefühl der Stadt Berlin anhand der Linienverbindungen der U-Bahnen herauszubekommen.

Mag sein, dass das ganze Heft ironisch gemeint ist. Mag sein, dass es eine Pointe gibt - nämlich die, dass die Redaktion selbst nicht ernst nimmt, was sie in ihrem Heft inszeniert. Aber wenn „Business Punk” ein Witz sein soll, dann ist es ein schlechter.

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Der menschenunwürdige Arbeiter- und Bauernstaat

Martin Kamp

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Schön, dass wir an diesem 7. Oktober 2009 ein Jubiläum nicht zu feiern haben: 60 Jahre DDR.  Vor 20 Jahren gingen Menschen auf die Straßen und in die Kirchen. Mit der zu Unrecht “Wende” genannten friedlichen Revolution brachten sie die Mauer zum Einsturz. Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR ihr 40-jähriges Bestehen - ein geradezu grotesk-surreales Event. Seinen 41. Geburtstag sollte der Staat nicht mehr erleben.

Die Gewerkschaften feiern am 7. Oktober den internationalen Tag für menschenunwürdige Arbeit. Ein guter Tag. Dass Arbeit menschenunwürdig ist, muss immer wieder neu erstritten werden - vom Kampf gegen Kinderarbeit in Entwicklungs- und Schwellenländern bis hin zu betrieblicher Gesundheitsvorsorge in den Industrieländern. Und wenn wir nicht ab und zu die Bedeutung von Errungenschaften wie Kündigungsschutz, Mitbestimmung und Tarifautonomie betonen, wird allzu schnell vergessen, dass sie immer wieder bedroht sind.

Dass wir am selben Tag für menschenunwürdige Arbeit werben und auf die untergegangene DDR zurückblicken, ist ein Zufall des Kalenders. Aber es bietet Anlass, festzustellen, was der selbsternannte Arbeiter- und Bauernstaat gerade nicht war: ein Gemeinwesen, das für menschenwürdige Arbeit stand. Freie Gewerkschaften? Fehl am Platz. Und man denke nur an die Erhöhung der Arbeitsnormen, die dann zum Aufstand am 17. Juni 1953 führte.

Karl-Josef Laumann hat einmal erzählt, er habe kurz nach der friedlichen Revolution ein Pflegeheim in Mecklenburg-Vorpommern besichtigt. “Seit ich die Zustände dort gesehen habe, muss mir kein Kommunist mehr etwas von Sozialpolitik erzählen.”

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Armes Afrika, reiches Afrika

Martin Kamp

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„Furchtbar, die haben doch schon genug Probleme.” So sollten „alte Hasen” der Entwicklungszusammenarbeit auf die Entdeckung von Erdöl in Burundi reagiert haben. Das schreibt Volker Seitz in seinem neuen Buch: „Afrika wird armregiert”. Seitz war für das Auswärtige Amt in unterschiedlichen Ländern Afrikas tätig, zuletzt vier Jahre als Leiter der Botschaft in Jaunde, Kamerun.

Volker Seitz, Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann, dtv, München 2009, 15,40 Euro

Sein Buch provoziert. Er stellt die Entwicklungshilfe für Afrika in Frage. Ähnlich wie Einnahmen aus Bodenschätzen führe sie nicht zu Wachstum und Reichtum, sondern hemme die Entwicklung. Schuld daran sind korrupte Regierungen in Afrika, die vor allem in die eigene Tasche wirtschaften. Die werden nach Auffassung von Seitz durch Entwicklungshilfe eher noch stabilisiert, Eigeninitiative wird erstickt. „Das Samariterverhalten des Nordens schwächt oder zerstört die Anreize der Empfänger zu eigenen Anstrengungen. Mit unserem Dauermitleid verstärken wir eine Sozialhilfementalität, die in manchen afrikanischen Staaten chronisch ist.” Wohin das führt, zeigt er an Beispielen - auch an diesem: Es gebe mittlerweile in Subsahara-Afrika kaum eine neue Straße, die nicht mit Entwicklungshilfe bezahlt werde. „Für den notwendigen Straßenerhalt fühlen sich die meisten Entwicklungsländer dann ebenfalls nicht zuständig.” Seitz bemängelt auch, dass jährlich rund 20.000 Ärzte und Pflegekräfte Subsahara-Afrika verlassen. „Es darf nicht sein, dass auf den britischen Inseln mehr Ärzte und Krankenschwestern aus Ghana tätig sind als in Ghana selbst.”

Dass Afrika an sich ein reicher Kontinent ist, macht Seitz an verschiedenen Zahlen deutlich: In Schwarzafrika hätten nur 10 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität - und das, obwohl allein die Wasserkraft des Kinshasa-Flusses ausreichen würde, um den gesamten Kontinent mit Strom zu versorgen. Kaffee und Kakao, Gold, Diamanten und Platin, Öl und Tropenhölzer - das alles gebe es reichlich. Doch die Bodenschätze „erzeugen Reichtum für Einzelne und ansonsten Korruption und Blutvergießen”.

Seitz belässt es nicht bei der bloßen Kritik. Er skizziert auch Reformalternativen. Eine afrikanische Regierung, die neues Geld erhalten wolle, solle den Nachweis führen, „wie die bisher mit ausländischen Mitteln gebauten Straßen, Bauten, Pisten, Kanalisationen etc. mit eigenen Mitteln in einem brauchbaren Zustand gehalten werden.” Er fordert konkret nachprüfbare Zwischenziele für die Entwicklungspolitik und einen „Rechnungshof für die Entwicklungshilfe” in Deutschland. Die Landwirtschaft will er stärken - auch durch Marktöffnung und Subventionsabbau bei uns - und Kleinstkredite vergeben, wie es Friedensnobelpreisträger Yunus mit seiner „Grameen Bank” in Bangladesch vorgemacht hat. Er plädiert für Bildung, vor allem Grundbildung, aber auch für bessere Unis. Und er setzt auf die Frauen.

Seitz’ Buch ist also mitnichten eine Aufforderung zum Nichtstun. Egal, ob er in allem Recht hat oder nicht - die Lektüre lohnt allemal. Denn er hält allen entwicklungspolitischen Engagierten den Spiegel vor. Das eigene Tun kritisch reflektieren - das kann nie schaden, selbst man sich am Ende bestätigt sieht. Denn „gut” und „gut gemeint” sind bekanntlich nicht immer dasselbe.

Tags: Entwicklungshilfe
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