
„Furchtbar, die haben doch schon genug Probleme.” So sollten „alte Hasen” der Entwicklungszusammenarbeit auf die Entdeckung von Erdöl in Burundi reagiert haben. Das schreibt Volker Seitz in seinem neuen Buch: „Afrika wird armregiert”. Seitz war für das Auswärtige Amt in unterschiedlichen Ländern Afrikas tätig, zuletzt vier Jahre als Leiter der Botschaft in Jaunde, Kamerun.
Volker Seitz, Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann, dtv, München 2009, 15,40 Euro
Sein Buch provoziert. Er stellt die Entwicklungshilfe für Afrika in Frage. Ähnlich wie Einnahmen aus Bodenschätzen führe sie nicht zu Wachstum und Reichtum, sondern hemme die Entwicklung. Schuld daran sind korrupte Regierungen in Afrika, die vor allem in die eigene Tasche wirtschaften. Die werden nach Auffassung von Seitz durch Entwicklungshilfe eher noch stabilisiert, Eigeninitiative wird erstickt. „Das Samariterverhalten des Nordens schwächt oder zerstört die Anreize der Empfänger zu eigenen Anstrengungen. Mit unserem Dauermitleid verstärken wir eine Sozialhilfementalität, die in manchen afrikanischen Staaten chronisch ist.” Wohin das führt, zeigt er an Beispielen – auch an diesem: Es gebe mittlerweile in Subsahara-Afrika kaum eine neue Straße, die nicht mit Entwicklungshilfe bezahlt werde. „Für den notwendigen Straßenerhalt fühlen sich die meisten Entwicklungsländer dann ebenfalls nicht zuständig.” Seitz bemängelt auch, dass jährlich rund 20.000 Ärzte und Pflegekräfte Subsahara-Afrika verlassen. „Es darf nicht sein, dass auf den britischen Inseln mehr Ärzte und Krankenschwestern aus Ghana tätig sind als in Ghana selbst.”
Dass Afrika an sich ein reicher Kontinent ist, macht Seitz an verschiedenen Zahlen deutlich: In Schwarzafrika hätten nur 10 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität – und das, obwohl allein die Wasserkraft des Kinshasa-Flusses ausreichen würde, um den gesamten Kontinent mit Strom zu versorgen. Kaffee und Kakao, Gold, Diamanten und Platin, Öl und Tropenhölzer – das alles gebe es reichlich. Doch die Bodenschätze „erzeugen Reichtum für Einzelne und ansonsten Korruption und Blutvergießen”.
Seitz belässt es nicht bei der bloßen Kritik. Er skizziert auch Reformalternativen. Eine afrikanische Regierung, die neues Geld erhalten wolle, solle den Nachweis führen, „wie die bisher mit ausländischen Mitteln gebauten Straßen, Bauten, Pisten, Kanalisationen etc. mit eigenen Mitteln in einem brauchbaren Zustand gehalten werden.” Er fordert konkret nachprüfbare Zwischenziele für die Entwicklungspolitik und einen „Rechnungshof für die Entwicklungshilfe” in Deutschland. Die Landwirtschaft will er stärken – auch durch Marktöffnung und Subventionsabbau bei uns – und Kleinstkredite vergeben, wie es Friedensnobelpreisträger Yunus mit seiner „Grameen Bank” in Bangladesch vorgemacht hat. Er plädiert für Bildung, vor allem Grundbildung, aber auch für bessere Unis. Und er setzt auf die Frauen.
Seitz’ Buch ist also mitnichten eine Aufforderung zum Nichtstun. Egal, ob er in allem Recht hat oder nicht – die Lektüre lohnt allemal. Denn er hält allen entwicklungspolitischen Engagierten den Spiegel vor. Das eigene Tun kritisch reflektieren – das kann nie schaden, selbst man sich am Ende bestätigt sieht. Denn „gut” und „gut gemeint” sind bekanntlich nicht immer dasselbe.
Tags: Entwicklungshilfe
Das abfällige Reden über “Samariterverhalten” und “Dauermitleid” ist mir zu vereinfachend.
Zum Beispiel treffen die Thesen von Herrn Seitz nicht zu auf die vielen Gelder, die von Nicht-Regierungs-Organisationen aus den Kirchen oder sozialen Initiativen in Afrikas Entwicklung investiert werden. Die gehen, anders als staatliche Entwicklungshilfe, oft an korrupten Regierungen vorbei in sinnvolle Basisinitiativen und können dann sehr effektiv vor Ort eingesetzt werden.
Wenn Sie mein Buch gelesen haben werden Sie genau diese Argumente finden. Ich nenne Beispiele für gelunge Hilfe der Kirchen und Basisinitiativen. Meine Kritik richtet sich an die staatliche Hilfe(6 Milliarden pro Jahr allein aus Deutschland) ohne jede Wirkungskontrolle. Die offizielle Wohltätigkeit ist etwas Wunderbares, aber kein Hebel der in 50 Jahren Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Staaten die Armut verringert hat.