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Soziale Ordnung! Interaktives Magazin für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Die christlich-soziale Online-Illustrierte

Archiv für den Monat Februar 2010

Hat Westerwelle Recht?

Martin Kamp

armut

Hat Westerwelle Recht? Natürlich nicht. Das Leben mit Hartz IV hat so viel mit Dekadenz zu tun wie der Job eines Außenministers mit Beschaulichkeit und Ruhe. Zum Glück hat der FDP-Vorsitzende von vielen Seiten auf seine Ausfälle die passenden Antworten bekommen. Noch ärgerlicher als seine Positionen in der Sache ist sein Stil - will er doch den Eindruck erwecken, als spreche er aus, was sonst nicht gesagt werden dürfe. Dabei kann man den Satz, dass der, der arbeite, mehr haben müsse als der, der nicht arbeite, in so ziemlich jedem arbeitsmarktpolitischen Papier der Union der letzten Jahre lesen. Auch die Sozialstaatsdebatte muss nicht angemahnt werden - sie wird doch schon seit Jahren heftig geführt mit massiven Konsequenzen in der praktischen Politik. Was denn, wenn nicht die Sozialpolitik, hat die deutsche Innenpolitik in den letzten Jahren dominiert - von Hartz IV bis zur Rente mit 67? Wer angesichts der damit verbundenen Einschnitte so tut, als dürfe über Sozialpolitik nicht geredet werden, setzt auf perfiden Populismus. Er macht Stimmung. Er zündelt. Mit echter Liberalität hat das nichts zu tun.

Tags: Sozialpolitik
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Neuer Name, neues Glück?

Martin Kamp

 hartz_istock

“Hartz IV” ist  eine große Reformbaustelle. Schonvermögen, Jobcenter, Regelsätze  - alles ist in der Diskussion, vieles steht zur Dispostion. Auch der Name. “Hartz IV” steht zwar nicht im Gesetz -  richtig ist, die Begriffe SGB II, Arbeitslosengeld II, Sozialgeld, Grundsicherung für Arbeitsuchende zu nutzen. Aber selbst das Bundesverfassungsgericht spricht kurz von “Hartz IV”, damit jeder weiß, was gemeint ist. Nicht zuletzt aufgrund des großen Reformbedarfs ist der Begriff “Hartz IV” nun aber einmal mehr in die Kritik geraten. Doch wodurch kann man ihn am besten ersetzen?

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Was man von Reinhold Messner lernen kann - eine Polemik

Sascha Brok

Die erfolgreiche Besteigung des Nanga Parbat durch die Messner Brüder im Jahr 1970 war der endgültige Wendepunkt in der modernen Bergsteigerei. Was den großen Expeditionen und dem damit verbundenen logistischen Aufwand verwehrt blieb, gelang im Kampf des Einzelnen gegen den Berg. Sicher: Basis-Camp und Ausrüstung wurden, werden und werden wohl auch zukünftig von mehr oder weniger größeren Mannschaften organisiert und gesichert werden müssen. Aber sie stellen nunmehr lediglich die Basis des Erfolges dar - sind also notwendige Vorraussetzung, aber mithin nicht mehr hinreichende Bedingung für das Erreichen des Unvorstellbaren. Worin liegen die Gründe für diese Entwicklung?

Nun, seit jeher strebt der Mensch nicht nur in der Bergsteigerei nach immer Größerem und Höherem. Jeweils galt es in Neues vorzustoßen und Hürden zu überwinden - die menschlisch physischen und die technischen. Aus immer verbesserten Methoden - wie der Erfindung des Steigeisens oder leichterer Kletterseile - erwuchs letztlich der Glaube, alles technisch Machbare ist auch für den Menschen machbar. Allein: Es muss organisiert werden. Es mag ein historischer Zufall sein oder nicht, dass dieser Glaube an die technische Organisierbarkeit des menschlichen Handelns und Strebens in der (Unblüte-)Zeit des Totalitarismus vor dem zweiten Weltkrieg seine Wurzeln hat, aber vielleicht ist dieses Bild vom Glauben des Planbaren auch heute noch auf unsere Gesellschaft und das Verständnis von ihr übertragbar - zumindest in Ansätzen.

Mehr Bildung, mehr KiTas, mehr Elternmonate, mehr Geld für die Bedürftigen, mehr Netto vom Brutto… diese Liste ließe sich fast endlos fortführen und soll an dieser Stelle nicht gewertet werden. Nur eines: In ihr steckt das Gefühl, etwas laufe verkehrt und diese oder jene Maßnahme werde kurz- bis mittelfristig Abhilfe schaffen. Es läßt sich demnach das Wachstum “beschleunigen” und in den immer zahlreicheren und schlaueren Kindern stecken die Erfindungen von morgen und damit das Bruttosozialprodukt von übermorgen. Es muss mehr Geld für die Leistungsträger vorhanden sein, damit diese mehr arbeiten und ihre Kinder in die Bildungseinrichtungen stecken können. Die Bedürftigen sind die, die mit diesem organisierten Tempo nicht mehr mitkommen. Das darf natürlich nicht sein: Weiterbildung bis der Arzt kommt oder zumindest höhere Unterstützungssätze für die Binnennachfrage. Nun ist es richtig, Eltern mehr Freirraum zu schaffen. Es stimmt, dass der Leistungsgedanke wichtig ist für das Fortkommen. Es ist eine zivilisatorische Errungenschaft, dass den Schwächeren von der Gesellschaft geholfen wird.

Aber bringt uns das auf den Nanga Parbat? Nein, sicher nicht. Der Gipfel ist die Leistung von Einzelnen, von Eliten, die in der entsprechenden Situation fähig sind und auch das rechte Glück haben, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dafür benötigen sie eine gewisse Freiheit, aber auch das Gefühl der Einbettung in die Gesamtheit. Denn der Sturz ins Bodenlose ist auch für den talentiertesten und mutigsten Bergsteiger ein gleichsam banales wie reales Problem. Wichtig ist daher: Nicht über Versagen von Eliten zu lachen. Auf der anderen Seite muss sich eine Elite der gesamtheitlichen Verantwortung und der Tragweite ihres möglichenn Scheiterns bewusst sein. Dieses Bewusstsein muss nicht immer monetären Charakter haben - aufrichtige Demut und Reue wiegen oftmals mehr. Aber auch die Früchte des Erfolges müssen geteilt werden. Reinhold Messner hat das erkannt: Er widmet sich gemeinnützigen Alpen-Projekten, fördert Kinder- und Entwicklungsprojekte im Himalaya. Er kehrt immer wieder zurück an den Ort seines größten Erfolges und seiner größten Niederlage und trägt die Last des verlorenen Bruders.

Ich zweifle derweil an dem Fortbestand dieser gesellschaftlichen “Bergsteigerübereinkunft”. Manch einer meint, er schafft es allein hinauf, andere sprechen von “Nieten in Nadelstreifen” und wieder andere wollen das Hinaufsteigen gänzlich verbieten. Aber es darf nicht sein, dass wir uns nicht mehr auf den Nanga Parbat trauen - er bietet so viele Chancen. Und man muss gar nicht auf den Gipfel, das Spurensetzen in 6.000 Metern Höhe ist auch eine feine Sache.

Tags: Ethik
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Ausgebrannt, verkannt: Beamte

Martin Kamp

streichhoelzer

Professor Klaus Kocks mag ja zur allgemeinen Erheiterung als intellektuell-origineller Pausenclown von Talkshow zu Talkshow gereicht werden. Seinen Unterhaltungswert in anonsten langweiligen Diskussionsrunden kann man ihm gewiss nicht absprechen.

Im einem Blog-Beitrag  befasst er sich nun mit dem Phänomen des “Bore out” im Arbeitsleben, “das Leiden all jener, die sich zu Tode langweilen („to bore“), weil sie chronisch unterfordert sind.” Das Bore-Out stellt er dem Burn-Out gegenüber. Und kaum hat er dem Leser dieses (vergleichsweise neue) Phänomen erklärt, beginnt er einen Rundumschlag gegen Beamte. Den Schwarzen Peter schiebt er zwar den Behörden, nicht den Beamten selbst zu. Was aus ihnen wird, steht für Kocks indes außer Frage: “Anzuwenden wäre der Lehrsatz, dass Beamte nicht als Faulenzer geboren werden, sondern zu Faulenzern gemacht.” Und mit Blick auf die Beamten spricht Kocks vom “Speck”, den die “Made” hat; von “fat cats” und “Selbstbedienung”.

Das ist dann aber schon nicht mehr so originell, sondern Klaus Kocks bedient auf billige Weise Klischees und Ressentiments. Nichts gegen sachliche Diskussionen über das Für und Wider von Beamtenpensionen und Beihilferegelungen. Aber nicht so, wie Kocks es macht.

Das Gefährliche aber an seinem Beitrag ist, dass er seine Ausführungen zum “Bore-out”-Syndrom und seine Suada gegen das Beamtentum in einen Beitrag packt. Erweckt er dadurch doch den Eindruck, als sei Bore-out eine Beamtenkrankheit.  Sein Artikel ist denn auch so überschrieben: “Wenn die Amtsstube zum Sterbezimmer wird…” Das klingt originell, ist aber töricht - zumal ganz viele Beamte gar nicht in Amtsstuben sitzen, sondern zum Beispiel bei Mai-Krawallen in Berlin-Kreuzberg Dienst tun oder in überfüllten Schulklassen Kinder unterrichten. Und da ist denn doch anzunehmen, dass viele Beamtinnen und Beamte eher ausgebrannt sind als dass sie sich langweilen, dass “Burn-out” ein größeres Problem ist al “Bore-out”. (Übrigens ist in den letzten Jahren für viele Beamte die Arbeitszeit angehoben worden!)

Und zum” Bore-out” selbst: Natürlich ist es ein Problem, wenn Beschäftigte, egal in welcher Branche, unterfordert sind. Das verdient Aufmerksamkeit. Aber es ist ein zu wichtiges Problem, als dass es im Kampf gegen das Beamtentum auf billige Weise instrumentalisiert werden dürfte. Die Antwort darf doch nicht lauten: Schafft das Berufsbeamtentum ab! (Womit keinem Bore-out-Kandidaten in der Privatwirtschaft geholfen wäre.) Sondern: Macht die Arbeit interessanter - dort, wo sie bisher nicht interessant ist. Und vergesst darüber nicht das gewiss viel größere Burn-out-Problem, die Arbeitsverdichtung in vielen Bereichen, Stress und Leistungdruck. Das Hauptproblem der Arbeitnehmer ist gewiss nicht, dass sie nicht genug leisten dürfen.

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