Das unabhängige Königreich Bhutan im Himalaya ist eines der reichsten Länder der Welt – das Glück steht dort im Mittelpunkt, nicht die Exportquote. Und auch das sonst so beschaulich wirkende niedersächsische Osnabrück liegt bei solchen Ranglisten deutschlandweit an der Spitze. Die Frage also: Wie wird Wohlstand richtig gemessen?
Mit Beginn der Industrialisierung und zunehmender Organisierung der Produktionsabläufe veränderten sich die Ansprüche an die Messung der Wirtschaftsleistung und des Volkseinkommens. Betrachteten Moralphilosophen wie Adam Smith und John Stuart Mill die Nationalökonomie noch unter normativen Gesichtspunkten wie Freiheit und Glück, wandelte sich dies u. a. auch durch die Werke von Karl Marx hin zu einer mehr funktionalen Sichtweise auf das Wirtschaften. In der Statistik fand dieses Denken den Ausdruck in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) und in der marktseitigen Erfassung des Bruttoinlandsprodukts (BIP).
Es ist offensichtlich, dass diese Herangehensweise nicht alle Facetten des menschlichen Soziallebens erfassen kann. Dennoch: Die marktmäßige Leistung eines Landes ist für die Beurteilung von Wirtschaftspolitik unabdingbar. Daher sollten insbesondere Änderungen der Berechnungsweise nur behutsam vorgenommen. Ein Beispiel: In Deutschland steigt zunehmend die Bedeutung des Dienstleistungssektors gegenüber der Industrie. Die sinnvolle Anpassung der VGR hat aber auch zur Folge, dass Vergleiche und Bewertungen von Konjunkturverläufen über die Zeit schwieriger geworden sind. Einem Erkenntnisgewinn steht hier also auch ein Erkenntnisverlust gegenüber.
Es wäre jedoch töricht, aufgrund dieses Zusammenhangs jedwede Innovation bei der Messung von Wohlstand zu unterbinden und zu behindern. Denn gerade in reifen Volkswirtschaften wie in Deutschland spielen sich zahlreiche wohlstandsmehrende Aktionen außerhalb der statistischen Datenbank ab: Ehrenamt, Naturgenuss, Selbstverwirklichung… Die Bewertung dessen ist der Sinn und Zweck der Glücks- oder Wohlstandsforschung. Basierend letztlich auf Umfragen wird versucht, über Modellrechnungen und mathematische Verfahren Indices oder Rangfolgen von Bedürfnissen zu erstellen. Interessant ist etwa, dass Zufriedenheit sich weniger ökonomisch als durch die Erfüllung von Rechtsstaatskriterien begründen lässt. Auch Bildung, Zukunftssicherheit und Umwelt sind überragende Kategorien. Ein Problem war bis dato, dass die Ergebnisse zwar dargestellt werden konnten, aber das Zusammenspiel der Einflussgrößen kaum sichtbar und mithin daher die Forschungsergebnisse für die konkrete Wirtschaftspolitik wenig nutzbar waren. Dies scheint sich momentan zu ändern. Ein Beispiel ist etwa der Zusammenhang von Lebenszufriedenheit und Beschäftigungsquote, der in den Indices ein höheres Gewicht beigemessen wird als der Arbeitslosenrate oder das Einkommen.
Dass das Urteil darüber zwischen den Bevölkerungsschichten eines Landes oder auch im internationalen Vergleich unterschiedlich sein kann, liegt auf der Hand. Der Ökonom klassifiziert kühl nach wichtigen und weniger wichtigen Güter (superior und inferior): Nahrung – Arbeitsplatz – Gesellschaft – Freizeit, um eine einfache Reihenfolge zu benennen. Auch die geistigen Väter und politischen Konstrukteure der Sozialen Marktwirtschaft hatten dieses Dilemma bereits erkannt: Jenseits von Angebot und Nachfrage verorteten sie gesellschaftliche Notwendigkeiten, die nur im Zusammenspiel und Austausch der unterschiedlichen Ordnungen und Interessen zufriedenstellend gelöst werden können. Wenn mit der Glücksforschung und Wohlstandsmessung neue und bessere Indikatoren fassbar werden, sollten diese genutzt – ihr Erkenntnisgewinn jedoch nicht eindimensional überschätzt – werden.
Denn z. B. beim sogenannten Lichtindex – gemessen wird die Veränderung der künstlichen Beleuchtung eines Landes durch Satellitenaufnahmen aus dem Weltall – weicht Bhutan nur unwesentlich von der Wachstumsrate des herkömmlich berechneten Bruttosozialprodukts ab. Der Lichtindex für Osnabrück indes ist noch ein offenes Forschungsfeld.