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Soziale Ordnung! Das Magazin der Christlich-Sozialen

Hier diskutieren die Christlich-Sozialen

Archiv für die Kategorie ‘Leseecke’

Wachstum ist nicht alles

 

von Dr. Matthias Zimmer MdB, CDA-Bundesvorstand

Dr. Matthias Zimmer

Die FDP hat sich positioniert: Sie will sich als Wachstumspartei profilieren. Und zunächst einmal ist das vielleicht auch nicht falsch. Im Stabilitätsgesetz von 1967 sind als wirtschaftspolitische Ziele Preisniveaustabilität, ein hoher Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht sowie ein angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum festgelegt. Doch hier stutze ich schon. Was ist ein angemessenes und stetiges Wachstum? Schon wenn wir ein durchschnittliches Wachstum von einem Prozent pro Jahr haben verdoppelt sich das Bruttoinlandsprodukt in 70 Jahren. Ein stetiges Wachstum, egal mit welcher Wachstumsrate, ist nicht linear, sondern wirkt exponentiell. Da wir auf dem Planeten nur begrenzte Ressourcen und Reserven haben, ist ein stetiges (weil exponentielles) Wachstum nicht möglich. Das macht auch ein Bild deutlich, der so genannte ökologische Fußabdruck. Dieser rechnet die Ressourcen, die für den Alltag benötig werden, in Flächenverbrauch um. Das kann man auch für sich ganz persönlich berechnen – auf der Internetseite www.footprint-deutschland.de. Entscheidend aber ist: Weltweit übersteigt der ökologische Fußabdruck die Fläche der Erde um das 1,5-fache. Wenn alle weltweit wirtschaften würden wie in Deutschland, würde die Erde um das 2,8-fache verbraucht. Hier ist ein Umsteuern notwendig, schon im Interesse der nachfolgenden Generationen.

Wirtschaft ist die Kulturleistung des Menschen zur Daseinsvorsorge. Sie sagt nichts über die Ziele des Menschen aus, sondern stellt die Basis zur Verfügung, auf der die Ziele verfolgt werden können. Wir sollten mehr darüber sprechen, welche Ziele unserem Leben Sinn und Orientierung geben. Das wusste auch Ludwig Erhard. Sein Motto „Wohlstand für alle“ hat diesen Wohlstand ja nicht ausschließlich als Zunahme an materiellem Reichtum definiert. Eines sei klar, so Erhard: „Wohlstand ist eine Grundlage, aber kein Leitbild für die Lebensgestaltung”. Vielmehr sei es uns aufgegeben, “den Menschen mit seiner Umwelt zu versöhnen und wieder eine Harmonie im Ganzheitlichen zu finden.” Deswegen hat sich Erhard auch nicht damit anfreunden können, Wachstum als Ziel der Wirtschaftspolitik zu definieren. Zum einen werden damit die Dimensionen des guten Lebens aus dem Auge verloren, die das Leben lebenswert machen. Zum anderen verführt dies dazu, Wachstum künstlich auch durch Manipulationen des Finanzmarktes zu stimulieren. Wohin dies führt, haben wir in der Finanzkrise 2008 gesehen.

Wir sollten den Liberalen Wachstum als Ziel überlassen. Wenn nichts anderes mehr den liberalen Wertehorizont bestimmt, dann sei es so. Wir sehen Wachstum als Mittel zur Erreichung von Lebenszielen, als Voraussetzung für ein gutes Leben, das sich nicht nur im Konsum von Gütern erschöpft. Wachstum ist nicht alles. Eine ausschließliche Fixierung auf Wachstum ist vulgär. Deswegen mehren sich auch in der Union die Stimmen, die sich für eine vernünftige Begrenzung von Wachstum einsetzen – prominent etwa Wolfgang Schäuble in “Christ & Welt” vom 15. Dezember 2011. Darüber lohnt eine Diskussion, gerade auch vor dem Hintergrund des Anspruchs, den das „C“ an uns stellt.

Tags: Arbeit, Soziale Marktwirtschaft, Wachstum, Wirtschaftspolitik, Wohlstand
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“Rente mit 67″: Flexible Lösungen müssen her

 

Peter Weiß

von Peter Weiß MdB, Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion 

Die Forderungen nach einer Aussetzung der Einführung der „Rente mit 67“ sind populistisch – und weisen in die falsche Richtung. Überall in Europa wird die deutsche Rentenpolitik zum Vorbild genommen. Schließlich wissen auch die anderen Staaten mittlerweile, dass Überschuldung und eine „Rente auf Pump“ die soziale Sicherung auf längere Sicht zerstören. Außerdem betrügen sie die junge Generation um ihre Perspektiven.

 Die Bundesregierung hat ihre Hausaufgaben gemacht! Die OECD stellt in ihrem Bericht vom März 2011 fest, dass Deutschland zu den Ländern gehört, die den stärksten Anstieg der Erwerbstätigkeit der 50- bis 64-Jährigen seit 2000 verzeichnen. Außerdem hätten der Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenanpassungsformel und die Einführung der „Rente mit 67“ das Rentensystem fit gemacht. Die soziale Teilhabe Älterer in Deutschland habe sich im letzten Jahrzehnt – von zuvor schon hohem Niveau – weiter verbessert. Angst vor dem demographischen Wandel müssen wir also nicht haben.

Verantwortbar ist die Anhebung der Regelaltersgrenze nur, wenn die schrittweise Verlängerung der Lebensarbeitszeit mit Maßnahmen für altersgerechte Arbeitsbedingungen einhergeht. Wir wollen, dass die Beschäftigten länger in ihrem Job bleiben können. Den einzelnen Arbeitnehmer interessieren nicht statistische Durchschnittswerte zum Renteneinstieg. Sie oder ihn interessiert, ob er auch tatsächlich länger arbeiten kann – und zwar gesund! Für mich gilt hier die Regel: Arbeit und Arbeitsplatz müssen sich an die Bedürfnisse der Menschen anpassen – nicht umgekehrt. „Humanisierung der Arbeitswelt“, „Arbeitsschutz“ und „Gesundheitliche Prävention am Arbeitsplatz“: Das dürfen nicht nur Schlagworte sein.

Schließlich möchte ich daran erinnern, dass „Rente mit 67“ ja nicht zwangsläufig heißt, dass man bis zum 67. Lebensjahr voll durcharbeitet. Jeder sollte gegen Ende des Berufslebens die Möglichkeit haben, seine Beschäftigung schrittweise zu reduzieren. Das Zauberwort lautet: flexible Lösungen.

Tags: Arbeit, Rente, Rente mit 67
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Februar 2012: Diskussionsforum startet neu

 

Liebe Besucherinnen und Besucher!

Aufgepasst: Das Diskussionsforum der Sozialen Ordnung startet neu! Ab dem 1. Februar 2012 werden an dieser Stelle neue Meinungsartikel eingestellt. Der CDA-Bundesvorsitzende Karl-Josef Laumannm wird genauso Stellung nehmen wie Peter Weiß, der Vorsitzende der Arbeitnehmergruppe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Die Themen reichen von der “Rente mit 67″ bis zur Debatte um eine Lohnuntergrenze.

Diskutieren Sie mit uns. Wir freuen uns auf Klartext und lebhafte Debatten!

Ihre SO!-Redaktion

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Find´ Dein Glück in Osnabrück! – Wohlstand jenseits von Angebot und Nachfrage

Sascha Brok

Das unabhängige Königreich Bhutan im Himalaya ist eines der reichsten Länder der Welt – das Glück steht dort im Mittelpunkt, nicht die Exportquote. Und auch das sonst so beschaulich wirkende niedersächsische Osnabrück liegt bei solchen Ranglisten deutschlandweit an der Spitze. Die Frage also: Wie wird Wohlstand richtig gemessen?

Mit Beginn der Industrialisierung und zunehmender Organisierung der Produktionsabläufe veränderten sich die Ansprüche an die Messung der Wirtschaftsleistung und des Volkseinkommens. Betrachteten Moralphilosophen wie Adam Smith und John Stuart Mill die Nationalökonomie noch unter normativen Gesichtspunkten wie Freiheit und Glück, wandelte sich dies u. a. auch durch die Werke von Karl Marx hin zu einer mehr funktionalen Sichtweise auf das Wirtschaften. In der Statistik fand dieses Denken den Ausdruck in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) und in der marktseitigen Erfassung des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Es ist offensichtlich, dass diese Herangehensweise nicht alle Facetten des menschlichen Soziallebens erfassen kann. Dennoch: Die marktmäßige Leistung eines Landes ist für die Beurteilung von Wirtschaftspolitik unabdingbar. Daher sollten insbesondere Änderungen der Berechnungsweise nur behutsam vorgenommen. Ein Beispiel: In Deutschland steigt zunehmend die Bedeutung des Dienstleistungssektors gegenüber der Industrie. Die sinnvolle Anpassung der VGR hat aber auch zur Folge, dass Vergleiche und Bewertungen von Konjunkturverläufen über die Zeit schwieriger geworden sind. Einem Erkenntnisgewinn steht hier also auch ein Erkenntnisverlust gegenüber.

Es wäre jedoch töricht, aufgrund dieses Zusammenhangs jedwede Innovation bei der Messung von Wohlstand zu unterbinden und zu behindern. Denn gerade in reifen Volkswirtschaften wie in Deutschland spielen sich zahlreiche wohlstandsmehrende Aktionen außerhalb der statistischen Datenbank ab: Ehrenamt, Naturgenuss, Selbstverwirklichung… Die Bewertung dessen ist der Sinn und Zweck der Glücks- oder Wohlstandsforschung. Basierend letztlich auf Umfragen wird versucht, über Modellrechnungen und mathematische Verfahren Indices oder Rangfolgen von Bedürfnissen zu erstellen. Interessant ist etwa, dass Zufriedenheit sich weniger ökonomisch als durch die Erfüllung von Rechtsstaatskriterien begründen lässt. Auch Bildung, Zukunftssicherheit und Umwelt sind überragende Kategorien. Ein Problem war bis dato, dass die Ergebnisse zwar dargestellt werden konnten, aber das Zusammenspiel der Einflussgrößen kaum sichtbar und mithin daher die Forschungsergebnisse für die konkrete Wirtschaftspolitik wenig nutzbar waren. Dies scheint sich momentan zu ändern. Ein Beispiel ist etwa der Zusammenhang von Lebenszufriedenheit und Beschäftigungsquote, der in den Indices ein höheres Gewicht beigemessen wird als der Arbeitslosenrate oder das Einkommen.

Dass das Urteil darüber zwischen den Bevölkerungsschichten eines Landes oder auch im internationalen Vergleich unterschiedlich sein kann, liegt auf der Hand. Der Ökonom klassifiziert kühl nach wichtigen und weniger wichtigen Güter (superior und inferior): Nahrung – Arbeitsplatz – Gesellschaft – Freizeit, um eine einfache Reihenfolge zu benennen. Auch die geistigen Väter und politischen Konstrukteure der Sozialen Marktwirtschaft hatten dieses Dilemma bereits erkannt: Jenseits von Angebot und Nachfrage verorteten sie gesellschaftliche Notwendigkeiten, die nur im Zusammenspiel und Austausch der unterschiedlichen Ordnungen und Interessen zufriedenstellend gelöst werden können. Wenn mit der Glücksforschung und Wohlstandsmessung neue und bessere Indikatoren fassbar werden, sollten diese genutzt – ihr Erkenntnisgewinn jedoch nicht eindimensional überschätzt – werden.

Denn z. B. beim sogenannten Lichtindex – gemessen wird die Veränderung der künstlichen Beleuchtung eines Landes durch Satellitenaufnahmen aus dem Weltall – weicht Bhutan nur unwesentlich von der Wachstumsrate des herkömmlich berechneten Bruttosozialprodukts ab. Der Lichtindex für Osnabrück indes ist noch ein offenes Forschungsfeld.

Tags: Wohlstand; Arbeitsmarkt; Wirtschaft
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Was man von Reinhold Messner lernen kann – eine Polemik

Sascha Brok

Die erfolgreiche Besteigung des Nanga Parbat durch die Messner Brüder im Jahr 1970 war der endgültige Wendepunkt in der modernen Bergsteigerei. Was den großen Expeditionen und dem damit verbundenen logistischen Aufwand verwehrt blieb, gelang im Kampf des Einzelnen gegen den Berg. Sicher: Basis-Camp und Ausrüstung wurden, werden und werden wohl auch zukünftig von mehr oder weniger größeren Mannschaften organisiert und gesichert werden müssen. Aber sie stellen nunmehr lediglich die Basis des Erfolges dar – sind also notwendige Vorraussetzung, aber mithin nicht mehr hinreichende Bedingung für das Erreichen des Unvorstellbaren. Worin liegen die Gründe für diese Entwicklung?

Nun, seit jeher strebt der Mensch nicht nur in der Bergsteigerei nach immer Größerem und Höherem. Jeweils galt es in Neues vorzustoßen und Hürden zu überwinden – die menschlisch physischen und die technischen. Aus immer verbesserten Methoden – wie der Erfindung des Steigeisens oder leichterer Kletterseile - erwuchs letztlich der Glaube, alles technisch Machbare ist auch für den Menschen machbar. Allein: Es muss organisiert werden. Es mag ein historischer Zufall sein oder nicht, dass dieser Glaube an die technische Organisierbarkeit des menschlichen Handelns und Strebens in der (Unblüte-)Zeit des Totalitarismus vor dem zweiten Weltkrieg seine Wurzeln hat, aber vielleicht ist dieses Bild vom Glauben des Planbaren auch heute noch auf unsere Gesellschaft und das Verständnis von ihr übertragbar – zumindest in Ansätzen.

Mehr Bildung, mehr KiTas, mehr Elternmonate, mehr Geld für die Bedürftigen, mehr Netto vom Brutto… diese Liste ließe sich fast endlos fortführen und soll an dieser Stelle nicht gewertet werden. Nur eines: In ihr steckt das Gefühl, etwas laufe verkehrt und diese oder jene Maßnahme werde kurz- bis mittelfristig Abhilfe schaffen. Es läßt sich demnach das Wachstum “beschleunigen” und in den immer zahlreicheren und schlaueren Kindern stecken die Erfindungen von morgen und damit das Bruttosozialprodukt von übermorgen. Es muss mehr Geld für die Leistungsträger vorhanden sein, damit diese mehr arbeiten und ihre Kinder in die Bildungseinrichtungen stecken können. Die Bedürftigen sind die, die mit diesem organisierten Tempo nicht mehr mitkommen. Das darf natürlich nicht sein: Weiterbildung bis der Arzt kommt oder zumindest höhere Unterstützungssätze für die Binnennachfrage. Nun ist es richtig, Eltern mehr Freirraum zu schaffen. Es stimmt, dass der Leistungsgedanke wichtig ist für das Fortkommen. Es ist eine zivilisatorische Errungenschaft, dass den Schwächeren von der Gesellschaft geholfen wird.

Aber bringt uns das auf den Nanga Parbat? Nein, sicher nicht. Der Gipfel ist die Leistung von Einzelnen, von Eliten, die in der entsprechenden Situation fähig sind und auch das rechte Glück haben, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dafür benötigen sie eine gewisse Freiheit, aber auch das Gefühl der Einbettung in die Gesamtheit. Denn der Sturz ins Bodenlose ist auch für den talentiertesten und mutigsten Bergsteiger ein gleichsam banales wie reales Problem. Wichtig ist daher: Nicht über Versagen von Eliten zu lachen. Auf der anderen Seite muss sich eine Elite der gesamtheitlichen Verantwortung und der Tragweite ihres möglichenn Scheiterns bewusst sein. Dieses Bewusstsein muss nicht immer monetären Charakter haben – aufrichtige Demut und Reue wiegen oftmals mehr. Aber auch die Früchte des Erfolges müssen geteilt werden. Reinhold Messner hat das erkannt: Er widmet sich gemeinnützigen Alpen-Projekten, fördert Kinder- und Entwicklungsprojekte im Himalaya. Er kehrt immer wieder zurück an den Ort seines größten Erfolges und seiner größten Niederlage und trägt die Last des verlorenen Bruders.

Ich zweifle derweil an dem Fortbestand dieser gesellschaftlichen “Bergsteigerübereinkunft”. Manch einer meint, er schafft es allein hinauf, andere sprechen von “Nieten in Nadelstreifen” und wieder andere wollen das Hinaufsteigen gänzlich verbieten. Aber es darf nicht sein, dass wir uns nicht mehr auf den Nanga Parbat trauen – er bietet so viele Chancen. Und man muss gar nicht auf den Gipfel, das Spurensetzen in 6.000 Metern Höhe ist auch eine feine Sache.

Tags: Ethik
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Anstoßen und Anstupsen – Vorsätze einhalten

Martin Kamp

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Das neue Jahr hat begonnen. Viele gute Vorsätze wurden gefasst:  gesund ernähren, Sport treiben, lang Liegengebliebenes erledigen, fürs Alter vorsorgen. Klar: Nicht alles wird eingehalten, der eine oder andere Plan wird gewiss über Bord geworfen. Aber auf gute Vorsätze deshalb komplett verzichten? Finde ich nicht.  Übrigens kann man sich das Einhalten der Vorsätze etwas leichter machen. Etwa wenn es um Ernährung und Bwegung geht: Da gibt es “heute anfangen” – ein Projekt der Freien Uni Berlin. In evangelisch.de, dem neuen Online-Portal der Evangelischen Kirche kann man sich selbst an das, was man erledigen will, erinnern und Briefe an sich selbst schicken.

Und die Verhaltensökonomen Thaler und Sunstein haben gar ein – sehr lesenwertes – Buch darüber geschrieben, “wie man kluge Entscheidungen anstößt”: “Nudge”. Weil Menschen von Natur aus nicht rational sind, so die Grundthese von Thaler und Sunstein,  müssen sie manchmal angestupst werden, das Richtige zu tun. ”Liberaler Paternalismus” nennen sie das. Die Autoren weisen in ihrem Buch auf die amerikanische Internetseite Stickk.com hin; dort kann man online Verträge mit sich selbst abschließen.

Warum Menschen dazu neigen, bequem zu sein, lästige Entscheidungen zu verschieben, das langfristig Gebotene und Vernünftige nicht zu tun – das ist ein Thema, mit dem sich Hirnforscher und Psychologen befassen. Neu ist das Thema übrigens nicht.

Schon die Einführung des gesetzlichen Rentenversicherung wurde auch damit begründet, dass die Menschen von sich aus die notwendige Vorsorge unterließen.

So schrieb REITZENSTEIN im Jahr 1884 mit Blick auf die Altersvorsorge:

„Auch in den mit einer höheren Bildung ausgestatteten Klassen der Gesellschaft, die doch mehr in der Zukunft zu rechnen gewohnt sind, ist doch in jener Lebensperiode eine Vorsorge durchaus ungewöhnlich. Würden wir es nicht fast als eine Verirrung betrachten, wenn ein junger Mann etwa während seines Universitätslebens sich bereits mit der Sicherung seines Alters und seiner Witwen und Waisen beschäftigte?

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Gegessen. Gelesen. Und jetzt?

Martin Kamp

rindfleisch

Nein, ich habe an den Weihnachtstagen nicht wie ein Asket gelebt. Es gab reichlich zu essen – und gut. Sylvester und Neujahr wird es – auch wenn der Speiseplan noch nicht steht – vermutlich nicht anders sein.  Kochen macht Spaß – und gutes Essen auch. Das habe ich mir bisher nicht von Fitnesspäpsten und Gesundheitsgurus vermiesen lassen (nicht einmal von Professor Lauterbach das Grillen!).

Und ich habe es immer für zu naiv gehalten, dass mein eigenes entwicklungspolitisches Engagement erst dadurch glaubwürdig werden soll, dass ich mein persönliches Essverhalten ändere. Charity-Galas à la Ute Ohoven haben mich zwar immer angewidert – Luxus-Events gegen den Hunger der Welt. Aber mit meiner “normalen Mischkost”, zu der auch Fisch, Fleisch und gelegentlich auch ein  Stück Rindfleisch gehört, wähnte ich mich doch immer in der ethisch unangreifbaren Ernährungsfraktion. Und das umso mehr, als das eine oder andere bei uns im Kühlschrank und in der Vorratskammer Bio- und Fairtrade-Siegel trägt. Genauso wenig war (und ist) es mein Ding, anderen wegen des Konsums etwa von Fleisch ins Gewissen zu reden. Mit anderen Worten: Wenn es in meiner Küche etwas Saures gibt, dann ist es Essig – und nicht Moralin.

Doch nun bin ich auf das Buch “Kein Brot für die Welt – Die Zukunft der Welternährung” gestoßen – und habe es geradezu verschlungen. Der Autor Wilfried Bommert  erläutert, wie der Klimawandel, Wassermangel und andere Umweltprobleme, die weiter steigende Weltbevölkerung und andere Umstände zu einer Welternährungskrise führen.

Besonders beeindruckend ist, wie er zum einen die Konkurrenz “zwischen Trog und Teller” und die Konkurrenz zwischen “Tank und Teller” beschreibt.

Trog und Teller – das ist der Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Getreidemangel bzw. hohen Getreidepreisen. Um die Jahrtausendwende wurden 40.000.000.000 Hähnchen pro Jahr gemästet. Jedes Hähnchen

“hat zuvor rund drei Kilo Getreide gefressen, um auf sein Gewicht zu kommen. Jedes Kilo Schweinefleisch zusätzlich schlägt mit bis zu vier Kilo Getreide zu Buche und jedes Kilo Rindfleisch sogar mit bis zu neun Kilo Getreideverbrauch.”  (S. 157)

Vereinfacht ausgedrückt: Die Tiere, zumal die Kühe, essen das, was zum Backen von Broten besser verwendet würde.

Tank und Teller – da geht es um Folgendes:

“Wo Pflanzen für Biosprit angebaut werden, können keine Nahrungsmittel wachsen.” (S. 265)

Das sind nur zwei kurze Auszüge aus dem lesenwerten Buch. Es überzeugt dadurch, dass es nicht ideologisch daher kommt, sondern Fakten liefert – und das zuhauf. Es will in erster Linie Wissen vernitteln und nicht ans Gewissen appellieren – und gerade deshalb stellt sich der Leser nach der Lektüre die Frage, was er ganz persönlich ändern sollte.

Wilfried Bommert: “Kein Brot für die Welt- Die Zukunft der Welternährung”, Riemann-Verlag, München 2009.

Tags: Entwicklungshilfe, Ethik, Gesundheit
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Ich will Feuerwehrmann werden!

Sascha Brok

Die Finanz- und Wirtschaftskrise treibt immer neue Blüten. Und das ist positiv. Wenig bleibt auf dem Alten stehen: Boni-Banker stehen auf der öffentlichen Agenda, um es noch neutral zu formulieren. Kurzarbeit rettet uns über die Nachfragekrise und künftigen Mangel an Facharbeitskräften hinweg. Keynes stabilisiert den Autoverkauf über Abwrackprämien. Finanztransaktionssteuern sollen (globalen) Finanzbedarf sichern… und und und!

Kurz: die ökonomische Theorie und allgemeine Wirtschaftspolitik steht auf dem Prüfstand, ja vor einer Gezeitenwende. Dies geht gar so weit, dass eine britische (!) Studie die gesellschaftliche Bedeutsamtkeit der Reinigungskraft und der Entsorgungswirtschaft höher einschätzt als die des Steuerberaters. Als hätten wir es nicht schon immer gewusst: Nur gemeinsam geht es. Dafür essentiell ist die Würde jeden einzelnen Menschen. Wenn das die Lehre aus der Krise sein sollte, wäre viel gewonnen und die CDA mitten drin – statt nur dabei!

Hier der link zur Studie.

Tags: Wirtschaftspolitik
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Ein schlechter Witz

Martin Kamp

manager

Business Punk. Eine neue Zeitschrift liegt an unseren Kiosken aus. „Business Punk”. Zielgruppe sind – so stellt es das Heft selbst dar – Menschen, die hart arbeiten. Also ein neues Zentralorgan für Leiharbeiter, Müllmänner und Krankenschwestern? Ein Blatt, in dem sich Buchhalter, Stahlkocher und Kellner wiederfinden? Mitnichten. Wen man im Blick hat, schreibt die Redaktion schon im Vorwort zur ersten Ausgabe der Zeitschrift: Es handele sich um ein Magazin „für alle, die etwas bewegen und Erfolg haben wollen. Für die ein Job mehr ist als ein Job, weil er ihr Leben definiert und sie antreibt.” Schöne neue Arbeitswelt also. Am schönsten ist aber folgende Charakterisierung; „Für die Uhrzeiten nur eine Art Richtgeschwindigkeit sind und Schlaf ein notwendiges Übel.” Ach so.

Das gibt es Heerscharen von Kurzarbeitenden, die unter der Krise leiden, und zugleich Hunderttausende, die unbezahlt Überstunden schieben, die prekär beschäftigt sind, die aufgrund von Schichtarbeit unter massiven Schlafstörungen leiden. Aber das Land leistet sich ein Heft über „das laute, schnelle Leben, das hinter dem Business tobt. Und um Typen, die in Unternehmen etwas unternehmen.” Früher hätten wir gesagt, die Zielgruppe seien Yuppies. Aber der Ausdruck ist natürlich überaltet. Deshalb liefert die Redaktion gleich auch die Gattungsbezeichnung für ihre Zielgruppe mit – und so hat sie der Einfachheit halber auch ihr Magazin genannt:  eben „Business Punks”. Wer solche Business Punks sind, sieht man an den Protagonisten des Heftes: Oliver Kahn etwa, der Xing-Gründer Lars Hinrichs oder Richard Branson, „die Ikone aller Businesspunks”.

Kein Klischee über die Jungen, Dynamischen und Erfolgreichen ist zu dumm, um nicht bedient zu werden. Da findet sich eine große Geschichte über die „Sexy Sekretärin – Die Versuchung im Vorzimmer”; da liest man, „Karriere ist wie Fußball: Manchmal braucht es ein taktisches Foul”; und da ist ein Verriss über Besprechungen zu lesen, die in „Business Punk” natürlich „Meetings” heißen. Und das Ganze nicht als Text, sondern als Schaubild. Das ist symptomatisch für das Magazin.Die Macher des neuen Magazins trauen ihren Lesern nämlich wohl nicht viel zu. Überall Bilder, Grafiken, optisch aufbereitete Informationshäppchen. Im Vergleich dazu ist der „Focus” die reine Bleiwüste. „Business Punk” – ein Wimmelbuch für große Kinder also.

Darin finden sich auch geradezu absurde Geschichten – etwa eine Übersicht von Liniennetzen öffentlicher Verkehrsmittel aus unterschiedlichen Metropolen, versehen mit dem Hinweis: „S- und U-Bahn-Pläne sind mehr als Wegweiser. Sie sind moderne Kunst, verraten fast alles über das Gefühl einer Stadt.” Nee, is klar. Ich versuche noch immer vergeblich etwas über das Gefühl der Stadt Berlin anhand der Linienverbindungen der U-Bahnen herauszubekommen.

Mag sein, dass das ganze Heft ironisch gemeint ist. Mag sein, dass es eine Pointe gibt – nämlich die, dass die Redaktion selbst nicht ernst nimmt, was sie in ihrem Heft inszeniert. Aber wenn „Business Punk” ein Witz sein soll, dann ist es ein schlechter.

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Armes Afrika, reiches Afrika

Martin Kamp

afrika12

„Furchtbar, die haben doch schon genug Probleme.” So sollten „alte Hasen” der Entwicklungszusammenarbeit auf die Entdeckung von Erdöl in Burundi reagiert haben. Das schreibt Volker Seitz in seinem neuen Buch: „Afrika wird armregiert”. Seitz war für das Auswärtige Amt in unterschiedlichen Ländern Afrikas tätig, zuletzt vier Jahre als Leiter der Botschaft in Jaunde, Kamerun.

Volker Seitz, Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann, dtv, München 2009, 15,40 Euro

Sein Buch provoziert. Er stellt die Entwicklungshilfe für Afrika in Frage. Ähnlich wie Einnahmen aus Bodenschätzen führe sie nicht zu Wachstum und Reichtum, sondern hemme die Entwicklung. Schuld daran sind korrupte Regierungen in Afrika, die vor allem in die eigene Tasche wirtschaften. Die werden nach Auffassung von Seitz durch Entwicklungshilfe eher noch stabilisiert, Eigeninitiative wird erstickt. „Das Samariterverhalten des Nordens schwächt oder zerstört die Anreize der Empfänger zu eigenen Anstrengungen. Mit unserem Dauermitleid verstärken wir eine Sozialhilfementalität, die in manchen afrikanischen Staaten chronisch ist.” Wohin das führt, zeigt er an Beispielen – auch an diesem: Es gebe mittlerweile in Subsahara-Afrika kaum eine neue Straße, die nicht mit Entwicklungshilfe bezahlt werde. „Für den notwendigen Straßenerhalt fühlen sich die meisten Entwicklungsländer dann ebenfalls nicht zuständig.” Seitz bemängelt auch, dass jährlich rund 20.000 Ärzte und Pflegekräfte Subsahara-Afrika verlassen. „Es darf nicht sein, dass auf den britischen Inseln mehr Ärzte und Krankenschwestern aus Ghana tätig sind als in Ghana selbst.”

Dass Afrika an sich ein reicher Kontinent ist, macht Seitz an verschiedenen Zahlen deutlich: In Schwarzafrika hätten nur 10 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität – und das, obwohl allein die Wasserkraft des Kinshasa-Flusses ausreichen würde, um den gesamten Kontinent mit Strom zu versorgen. Kaffee und Kakao, Gold, Diamanten und Platin, Öl und Tropenhölzer – das alles gebe es reichlich. Doch die Bodenschätze „erzeugen Reichtum für Einzelne und ansonsten Korruption und Blutvergießen”.

Seitz belässt es nicht bei der bloßen Kritik. Er skizziert auch Reformalternativen. Eine afrikanische Regierung, die neues Geld erhalten wolle, solle den Nachweis führen, „wie die bisher mit ausländischen Mitteln gebauten Straßen, Bauten, Pisten, Kanalisationen etc. mit eigenen Mitteln in einem brauchbaren Zustand gehalten werden.” Er fordert konkret nachprüfbare Zwischenziele für die Entwicklungspolitik und einen „Rechnungshof für die Entwicklungshilfe” in Deutschland. Die Landwirtschaft will er stärken – auch durch Marktöffnung und Subventionsabbau bei uns – und Kleinstkredite vergeben, wie es Friedensnobelpreisträger Yunus mit seiner „Grameen Bank” in Bangladesch vorgemacht hat. Er plädiert für Bildung, vor allem Grundbildung, aber auch für bessere Unis. Und er setzt auf die Frauen.

Seitz’ Buch ist also mitnichten eine Aufforderung zum Nichtstun. Egal, ob er in allem Recht hat oder nicht – die Lektüre lohnt allemal. Denn er hält allen entwicklungspolitischen Engagierten den Spiegel vor. Das eigene Tun kritisch reflektieren – das kann nie schaden, selbst man sich am Ende bestätigt sieht. Denn „gut” und „gut gemeint” sind bekanntlich nicht immer dasselbe.

Tags: Entwicklungshilfe
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