
Zugegeben, bequem ist es für mich schon, einen Lidl in der unmittelbaren Nähe zu haben, der an 365 Tagen im Jahr geöffnet ist - jeweils bis 21 Uhr. Nicht, dass man unbedingt Lust hätte, abends um 9 oder am Sonntagnachmittag dort shoppen zu gehen. Aber wenn man mal Milch, Mehl oder Eier vergessen hat, weiß man, dass man die Sachen auch sonntags kriegt. Das Angebot ist breiter, die Preise sind günstiger als an der Tanke.
Deshalb verbietet es sich für mich auch, mich aufs moralische Podest zu stellen und Ladenöffnungszeiten am Sonntag zu verdammen. Und die Kommerzialisierung des Sonntags zu beklagen, deshalb die Öffnung der Geschäfte zu verbieten und es zugleich für selbstverständlich zu halten, dass sich die Menschen am 7. Tag der Woche durch die virtuellen Warenhäuser von Amazon bis Ebay klicken, zeugt auch nicht gerade von Glaubwürdigkeit.
Holen wir also nicht die ganz große Moralkeule raus. Und dennoch: Lasst die Läden sonntags zu!
Wenn die Möglichkeit besteht, sonntags einzukaufen, wird sie auch genutzt. Übrigens ist das bei Lidl am Innsbrucker Platz in Berlin zu Genüge zu beobachten. Da wird am Sonntag eben nicht nur der fehlende Liter Milch gekauft, sondern da quälen sich Menschenmassen durch die Gänge und machen ihre Wochen-, ja Monatseinkäufe. Einmal abgesehen davon, dass die Wochenenderholung der Kunden spätestens dann dahin ist, wenn sie diese Einkaufstortur hinter sich haben: Muss man das den Beschäftigten zumuten? Muss man den Leuten im Berliner Einzelhandel zumuten, an den vier Adventssonntagen und insgesamt an zehn Sonntagen pro Jahr im Laden zu stehen?
Und was würde eigentlich fehlen, wenn man sonntags nicht mehr einkaufen gehen könnte?
Bedeutet es wirklich Lebensqualität, sich auch noch am Sonntag den Einkaufswagen mit Analogkäse und Plastikkeksen, mit Kunstschinken und zu Garnelen-Attrappen zusammengepressten Fischabfällen vollzustopfen? Macht es wirklich Spaß, sich auch noch sonntags durch Laminiergeräte, Silikon-Falttrichter oder Solar-Hausnummernleuchten (so tatsächlich bei Lidl gesehen!) und anderen Aktionsangebot-Ramsch, den keiner braucht, zu wühlen? Und was entginge einem eigentlich, wenn die tristen Volksbelustigungsfeste in den Shopping Malls, die an den verkaufsoffenen Sonntagen Kunden anlocken sollen - vom Karibik-Tag bis zum Swing-Wochende -, nicht mehr stattfänden?
Nein, man braucht die Sonntagsöffnung nicht. Abgesehen von allen religiösen Argumenten: Der Sonntag bringt Ruhe, Muße, Erholung. Geöffnete Geschäfte stören da nur.
Und deshalb ist der Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und dem (katholischen) Erzbistum Berlin viel Erfolg zu wünschen bei ihrer Klage vorm Bundesverfassungsgericht gegen die Sonntagsöffnung in Berlin.
Dann wären wenigstens die verkaufsoffenen Adventssonntage gekippt.
Der Lidl bei mir in der Nähe wäre davon wohl unberührt. Er ist in einem S-Bahnhof untergebracht, für ihn gilt eine Sonderregelung. Aber vielleicht stimmen da die Kunden doch mal mit den Füßen ab und bleiben weg. Und wenn man dann am Sonntag wirklich mal spontan zwei Eier braucht, kann man ja auch bei den Nachbarn klingeln.